1978 – Vaclav Havel über Opposition

Aus:

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Vaclav Havel, Versuch, in der Wahrheit zu leben ,

Originaltitel: «Moc Bezmocnych» ( d.h.: „Die Macht der Machtlosen“ oder „Das Vermögen der Unvermögenden“), Copyright © Vaclav Havel, 1978

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Einer der Begriffe, die zu einer dauerhaften Quelle unterschiedlicher Missverständnisse geworden ist, und zwar vor allem deshalb, weil er in unsere Verhältnisse aus ganz anderen Verhältnissen übertragen wird, ist der Begriff der Opposition.

Was bedeutet überhaupt „0pposition“ in dem posttotalitären System?

In einer demokratischen Gesellschaft des traditionell parlamentarischen Typs versteht man unter politischer Opposition eine solche politische Kraft auf der Ebene der tatsächlichen Macht (meistens eine Partei oder eine Gruppierung von Parteien), die nicht an der Macht steht, die irgendein alternatives politisches Programm bietet, die an die Regierung kommen will und von der Regierung als ein natürlicher Bestandteil des politischen Lebens des Landes respektiert wird, die im Rahmen der ausgemachten gesetzlichen Regeln politisch wirkt und sich um die Macht bewirbt.

Außer dieser Opposition gibt es noch das Phänomen der „außerparlamentarischen Opposition“ was wiederum Kräfte sind, die sich mehr oder weniger auf der Ebene der tatsächlichen Macht organisieren, die jedoch außerhalb jener von dem System geschaffenen Regeln wirken und auch mit anderen Mitteln als die, die im Rahmen dieser Regeln üblich sind.

In einer „klassischen“ Diktatur versteht man unter Opposition politische Kräfte, die auch ein alternatives politisches Programm vorweisen und entweder legal oder an der Grenze der Legalität wirken, jedoch ohne die Möglichkeit zu haben, sich im Rahmen irgendwelcher abgemachten Regeln um die Macht zu bewerben, beziehungsweise Kräfte, die sich zu einer gewaltsamen Machtkonfrontation mit der herrschenden Gruppe vorbereiten (oder sich in dieser Konfrontation unmittelbar befinden), wie verschiedene Guerillagruppen oder aufständische Bewegungen.

In dem posttotalitären System gibt es keine Opposition in einer von diesen Bedeutungen.

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In welchem Sinne also wird dieser Begriff im Zusammenhang mit dem posttotalitären System angewandt?

1. Manchmal werden (vor allem von der westlichen Journalistik) Personen oder Gruppen innerhalb der Machtstruktur so bezeichnet, die sich in irgendeiner versteckten Machtkonfrontation an der Spitze befinden. Das Motiv dieser Konfrontation können manchmal gewisse (selbstverständlich nicht allzu gravierende) Konzeptionsdifferenzen sein, häufiger aber ist es das gänzlich unkomplizierte Streben nach Macht beziehungsweise persönliche Feindschaft zu anderen Vertretern der Macht.

2. Als „0pposition“ kann man auch all das betrachten, was eine indirekte politische Wirkung in dem bereits mehrfach angesprochenen Sinne hat oder haben kann, also alles, wodurch sich das posttotalitäre System – als solches, vom Standpunkt der nackten Interessen seiner „Eigenbewegung“ aus – bedroht fühlt und wodurch es – als solches – wirklich bedroht wird. Von diesem Standpunkt aus ist eigentlich jeder Versuch um ein „Leben in Wahrheit“, … Opposition; also alles, womit die wirklichen Intentionen des Lebens die Grenzen überschreiten, die ihnen von den Intentionen des Systems aufgezwungen worden sind.

3. Häufiger aber als das „Leben in Wahrheit“ allgemein, werden – vor allem von den westlichen Beobachtern wiederum – solche Gruppen als Opposition betrachtet, die ihre nonkonformistische Einstellung und ihre kritischen Ansichten dauernd und öffentlich äußern, die ihr unabhängiges politisches Denken nicht verheimlichen oder solche, die sich selbst schon gewissermaßen als bestimmte politische Kräfte begreifen. In dieser Auffassung deckt sich der Begriff „0pposition“ mehr oder weniger mit dem Begriff des „Dissidententums“, wobei unter denen, die so bezeichnet werden, selbstverständlich große Differenzen darin bestehen, wie weit sie diese Bezeichnung akzeptieren oder ablehnen: Dies hängt nicht nur davon ab, ob und wie weit sie sich selbst als unmittelbar politische Kraft begreifen, und ob sie auch bestimmte Ambitionen auf der Ebene der tatsächlichen Macht haben, sondern auch davon, was jeder von ihnen unter dem Begriff «0pposition» versteht.

Ich möchte wieder ein Beispiel bringen: Die «Charta 77» betont in ihrer ersten Deklaration ausdrücklich, dass sie keine Opposition ist, weil sie nicht vorhat, alternative politische Programme vorzulegen. Sie hat tatsächlich eine andere Aufgabe, legt solche Programme wirklich nicht vor, und falls ein Angebot von alternativen politischen Programmen die Opposition in dem posttotalitären System definiert, kann man sie in der Tat nicht als Opposition betrachten.

Die Regierung aber begreift die Charta vom ersten Moment an als eine eindeutig oppositionelle

Gemeinschaft und benimmt sich auch dementsprechend ihr gegenüber. Das bedeutet, dass die Regierung -und dies ist nur natürlich – „0pposition“ mehr oder weniger in Jenem Sinne begreift, wie ich sie unter Punkt 2 beschrieben habe. Sie sieht Opposition im Grunde in allem, was sich der totalen Manipulation entzieht und was somit das Prinzip des absoluten Anspruchs des Systems auf den Menschen ablehnt. Wenn wir diese Definierung der „0pposition“ akzeptieren, dann müssen wir freilich, im Einklang mit der Regierung, die Charta wirklich als eine Opposition betrachten: Sie verletzt nämlich wirklich ernsthaft die Integrität der posttotalitären Macht, die auf der Universalität des „Lebens in Lüge“ basiert.

Eine andere Frage aber ist, inwiefern sich der eine oder der andere Unterzeichner der Charta selbst als Opposition begreift. Ich nehme an, dass die Mehrzahl der Unterzeichner von der traditionellen Bedeutung dieses Begriffs ausgeht, wie er sich in der demokratischen Gesellschaft (oder in der „klassischen“ Diktatur) gebildet hat, und somit die „0pposition“ auch bei uns als eine politisch bestimmte Kraft begreift, die zwar in unserem Fall nicht auf der Ebene der tatsächlichen Macht und noch weniger im Rahmen irgendwelcher von der Regierung respektierter Regeln wirkt, die aber – wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätte – dies nicht abgelehnt hätte, weil sie ein bestimmtes alternatives politisches Programm hat, dessen Anhänger bereit wären, auch die direkte politische Verantwortung zu übernehmen. Weil sie eben von dieser Auffassung der Opposition ausgehen, betrachtet sich ein Teil der Unterzeichner der „Charta 77“

– die überwiegende Mehrheit – nicht als Opposition; der andere Teil

– die Minderheit – betrachtet sich als Opposition, respektiert aber voll, dass die Charta ihnen keinen Raum für „oppositionelle“ Tätigkeit in diesem Sinne bietet.

Das Ganze wird noch durch einen Umstand kompliziert: Die gesellschaftliche Macht im Sowjetblock benutzt schon seit Jahrzehnten den Begriff „0pposition“ als die denkbar schlimmste aller Beschuldigungen. Es ist ein Synonym des Wortes „Feind“. Jemanden als Oppositionellen zu bezeichnen, bedeutet dasselbe, als wenn man sagte, dass er die Regierung stürzen und den Sozialismus liquidieren will (selbstverständlich als Söldner des Imperialismus). Es gab Zeiten, in denen diese Bezeichnung direkt zum Galgen führte. Dieser Umstand trägt natürlich nicht dazu bei, dass die Menschen Lust hätten, sich selbst mit diesem Wort zu bezeichnen, um so mehr, als es nur ein Wort ist, und als es auch wichtiger ist, was man tatsächlich macht, als wie man es bezeichnet.

Der letzte Grund, warum sich viele gegen diese Bezeichnung wehren, liegt darin, dass der Begriff „0pposition“ etwas Negatives in sich hat – wer sich so definiert, definiert sich so in Bezug auf irgendeine Position; er bezieht sich also ausdrücklich auf die gesellschaftliche Macht, definiert sich selbst durch diese, leitet seine eigene Position erst von der ihren ab. Für Leute, die sich einfach entschlossen haben, in Wahrheit zu leben, laut zu sagen, was sie denken, sich mit ihren Mitbürgern zu solidarisieren, zu schreiben, zu malen oder zu komponieren, so wie sie es wollen, und sich einfach in Einklang mit ihrem „besserem Ich“ zu verhalten, ist es verständlicherweise unangenehm, ihre eigene ursprüngliche und positive „Position“ negativ und vermittelt definieren zu müssen. Es wäre für sie unangenehm, sich selbst vor allem als diejenigen zu begreifen, die gegen das und das sind, und nicht einfach als diejenigen, die das sind, was sie sind.

Wie wir sehen, kann man Missverständnisse nur so vermeiden, dass man immer, bevor man den Begriff „0pposition“ anwendet und bevor man zu urteilen beginnt, ob jemand „oppositionell“ ist, klar sagt, in welchem Sinne man diesen Begriff benutzt und was man darunter eigentlich in unseren Verhältnissen versteht.