1982 „Zonenstich“

Die 20 Monate Haft saß ich ab, 15 Monate davon in Brandenburg, täglich in der irrigen Hoffnung, hieraus freigekauft zu werde. Über den DDR-Strafvollzug in Brandenburg-Görden haben andere ihre Erinnerungen aufgeschrieben.

Horst Hiller etwa oder Andreas Schmidt.

Empfehlen kann ich

Roland Garve: Unter Mördern

Meinem Haftkameraden Roland Garve aus Leipzig war (wie mir) die DDR zu eng gewesen. Er, ein Zahnarzt, hat später seinen Traum wahrmachen können. Er hat die große weite Welt und die Eingeborenen am Oberlauf des Amazonas und in Papua-Neuguinea aufgesucht. Ihn hat die Frage umgetrieben:

„Was macht eigentlich der Kollege Schamane, wenn einer im Dorf  Zahnschmerzen hat ?“

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Magdeburgs katholischer Bischof Gerhard Feige befand übrigens noch 2015 …

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Die 20 Monate Haft saß ich also ab, in der Hoffnung, freigekauft zu werde. Aber es kam anders.

Gerade in den Tagen nämlich, als ich mich im Sommer des Jahres 1980 am Neusiedler See durch den Sumpf geschlichen hatte, war meine jüngere, damals 17-jährige Schwester in Moskau. Dort fand eine vom Westen boykottierte Sommer-Olympiade statt. Mein liebes Schwesterchen war Startläuferin in der DDR-4x100m-Staffel der Leichtathletinnen. Später rannte sie, gemeinsam mit Marlies Göhr und Bärbel Wöckel, durch die Stadien dieser Welt. 1980 rang ja die DDR noch immer um ihre internationale Anerkennung.

„Das also,“ hatte mir der Stasi-Offizier gesagt, der mich 1980 in Halle im Roten Ochsen verhört hatte, „Das also haben Sie Ihrer eigenen Schwester angetan. Nun haben Sie Ihrer Schwester durch Ihr leichtsinniges Verhalten den Leistungssport verwehrt.“ – „Nein, nein -“, hatte ich hierauf erwidert. Ich hätte nicht die Macht, meiner Schwester eine Sportkarriere zu eröffnen oder zu verwehren. „Nein, nein Herr Leutnant, diese Macht haben allein Sie, das Ministerium für Staatssicherheit.“
Der so angesprochene Stasi-Offizier hatte daraufhin erhaben gelächelt und gesagt: „Stimmt. – Und deshalb wollen wir jetzt von Ihnen wissen: Wie ist das Verhältnis zu Ihrer Schwester ? Was sind die politischen Einstellungen in Ihrer Familie ?“

Dass meine Schwester sich auf das Entschiedenste von mir distanzierte, hatte sie ihm bzw. seinen Kollegen von der Stasi schon kundgetan.

Ich musste nur noch bestätigen, dass ich das schwarze Schaf der Familie sei und alle anderen Schafe von reinstem ROT.  Was ich auch tat. Und so durfte sie weiter sporteln.

Nicht angestrebt hatte ich die Nebenwirkung, die genau das mit sich brachte, den „Zonenstich“.

„Zonenstich“ – so nannten wir, die wir in den DDR-Gefängnissen auf unseren Freikauf in den Westen warteten, eine Haftentlassung in die DDR.  Das Wort fanden wir in Anlehnung an das Skatspiel mit unseren selbst gebastelten Karten. In diesem geht es darum, einen möglichst werthaltigen „Stich“ einzusammeln. Das war der „Zonenstich“ gewiss nicht. Noch bis 1999 unterschied das Gesetz über die Rehabilitierung und Entschädigung von Opfern rechtsstaatswidriger Strafverfolgungsmaßnahmen im Beitrittsgebiet, StrRehaG danach, ob der Betreffende in den Westen oder in die DDR entlassen worden war. § 17 des Gesetzes zahlte bis dahin den in die DDR Entlassenen 600 DM je erlittenen Haftmonat, den in den Westen Entlassenen nur 300 DM je erlittenen Haftmonat. Für die letztgenannte Gruppe der Betroffenen wurde die Summe erst zum 1. Januar 2000 auf ebenfalls 600 DM („306,78 Euro“) angeglichen. Die Unterschiede waren tatsächlich verheerend:

Da stand ich nun 1982, entlassen aus Brandenburg, als Vorbestrafter wieder in der DDR, in Weißenfels. Mein Personalausweis war eingezogen worden. Ich lief mit einem Ersatzausweis für eingezogenen Personalausweis, einem „PM 12“ durch die Straßen. So sieht dessen Vorderseite aus:


So dessen Rückseite:


Das höchste, was die DDR mir jetzt noch an Bildung zugestand, war die Fahrschule für den LKW.