1983 Heimliche Heimsuchungen

550 DDR-Mark zahlte mir mein Gärtnermeister 1983 monatlich bei einer 48-Stundenwoche. Abends stank ich nach dem Dreck und Schwefel der uralten Heizkessel. Es war eine schöne Zeit, denn diesen Job missgönnte mir auch die Stasi nicht, allerdings …

Eine Bekannte aus Weißenfels war 1983 verhaftet worden, nachdem sie sich vor dem Universitätshochhaus in Jena mit anderen Ausreiseantragstellern zu einem Weißen Kreis aufgestellt hatte. Ihre Kinder fand ich in einem Kinderheim in Aschersleben. Ich wollte nicht, dass sie im Nirgendwo verschwinden. Die beste Versicherung dagegen war, jemandem im Westen Deutschlands davon zu berichten. Der musste das dann bei den DDR-Behörden ansprechen. Ich teilte alles mit, was ich wusste und ließ anschließend die Kinder Briefkarten dorthin unterschreiben.

Einen der Briefkarten ließ der DDR-Postminister

Rudolph Schulze aus dem Postsack fischen. Die mit und in dem Brief formulierten Worte, ja schon die Adresse, so ließ der Unionsfreund aus der DDR-Block-CDU seinen Postamtmann verlauten, seien verboten. Sie verstießen gegen § 11 Absatz 1 seiner Postordnung und würden deshalb von der Beförderung ausgeschlossen. Den Genossen hat er umgehend die Zeilen übergeben.

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In jedem DDR-Kreispostamt hatte Unionsfreund Schulze eine „Abteilung 12“ sitzen, welche Briefe aufzudampfen hatte. Wegen seiner Postordnung ….

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Damals, in meinem Fall und 1983 tickte der „Antifaschistisch-Demokratische Block“ nicht ganz abwegig.  Die Stasi-Bezirksverwaltung Halle meinte, ich sei ein Stützpunkt einer von London aus agierenden „Feindorganisation“ und deren Agent. Einen „Operativen Vorgang, OV, GÄRTNER“ eröffneten sie umgehend. Und „Operative Vorgänge“ legte die Stasi zu Menschen an, die sie verhaften wollte.

Ihr „MASSNAHMEPLAN“ gegen mich ist beeindruckend und mit dem Einsatz von 8 Informellen (also geheimen) Mitarbeitern, IM, bestückt. Den Höhepunkt sollte eine konspirative (also geheime) Haussuchung darstellen. Einen Antrag auf konspiratives (also geheimes) Nachfeilen eines Wohnungsschlüssels musste die Stasi-Kreisverwaltung Weißenfels dazu bei Stasi-Bezirksverwaltung Halle stellen. Auch bei Horch und Guck hatte alles seine Ordnung. Immerhin gehörte Halle damals seit 333 Jahren zu Preußen.

„Heute Morgen“, so sagte mir mein Gärtnermeister kreidebleich auf Arbeit,

„Heute Morgen war ich zur Kreisverwaltung, Abteilung Landwirtschaft bestellt. Aber dort saß ein mir völlig unbekannter Mann. Er wies mich auf meine Pflichten als sozialistischer Gartenbaumeister Dir gegenüber hin. Ich sagte, dass das wohl ein Missverständnis sei. Mein Beruf sei es, Pflanzen zu züchten, keine Menschen.“

Was die Stasi über diesen Morgen aufschrieb, habe ich hier in die Webseite gestellt. Es zeugt von des Gärtnermeisters Zivilcourage und ist deshalb der Erinnerung wert. Übrigens: Pflanzen züchtet er heute noch in Weißenfels und von hervorragender Güte.

Etwas war im Gange gewesen in diesen Tagen, am Ende des Jahres 1983 …

Es sollte am Freitag dem 13. stattfinden und im Januar des Folgejahres 1984.

Und mit dem Datum tat die Stasi wohl einen Fehlgriff: Ihr Informeller Mitarbeiter, IM, hatte versagt. Er hatte den Genossen kundgetan, die Wohnung meiner Mutter und meiner Brüder sei an diesem Tag verlassen. Als der IM mit seinen Offizieren auf leisen Sohlen in die Wohnung schlich und den nachgefeilten Schlüssel ins Schlüsselloch schob, saßen Mutter und Brüder dahinter zum Abendbrot. „Was machen Sie denn hier ?“ fragte einer der Stasi-Offiziere sichtlich entgeistert. „Wir wohnen hier,“ antworteten diese, „Was machen denn SIE hier ?“. – „Staatssicherheit, Haussuchung,“ flötete der Mann, nachdem er seine Kinnlade wieder herauf bekomme hatte. Mutter, nicht weniger pfiffig , wollte den Durchsuchungsbefehl sehen. Mit dem kam der anderen der Offiziere dann 30 Minuten später tatsächlich zurück. So etwas war in der DDR ja KEIN Problem.

Die Würfel waren gefallen und im Hallenser Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit, in dem ich eigentlich „nur“ eine Nacht verhört werden sollte, hatte ich jetzt 9 Monate zu bleiben.

Die Untersuchungshaft verlängerten sie wieder und wieder und wieder. Was ich beim Verhör zu „gestehen“ gedachte und was sie bei der Haussuchung gefunden hatten, war wenig oder nichts. Ob das „ausreichte“, mir irgendetwas nachzuweisen, darüber waren sie sich selbst nicht schlüssig.