1984 Vor’m Obersten Gericht der DDR

Da saß ich also wieder ein im Roten Ochsen zu Halle und schwieg die Vernehmungsoffiziere an, wie in diesem Verhör.

Achten Sie auf die notierten Uhrzeiten, es währte NEUN Stunden. Aufgrund meine „Aussageverhaltens“, wie die Stasi das nannte, war sie sich nicht soooo sicher, ob es überhaupt zu einer Verurteilung kommen würde.

Die wackeren Kerkermeister vom Stasi-Wachregiment „Robert Mühlpfort“, die meine Zellentüren zu verschließen hatten, beklagten sich auch. Ich hätte ein ungebührliches Benehmen. In den Aktenordnern, welche sie über mich füllten, findet sich das hier und hier und hier und hier.

Im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt, warum sie mir nicht irgendwann einmal eine „in die Fresse gehauen“ haben. Sie taten es einfach nicht und warum nicht, erläuterten die Akten, die ich einsah: Meine Schwester war Startläuferin der DDR-Olympiauswahl in der 4X100m-Staffel der Damen

und der Prozess meiner „Rückgewinnung“ sei im Auge zu behalten.

Genosse Schwarz, der Bezirksstaatsanwalt des DDR – Bezirkes Halle versuchte sich einmal tatsächlich und persönlich daran. Ich habe 2001 eine Geschichte dazu veröffentlicht.

Aber Strafe musste dann doch sein im Saal des heutigen Landgerichtsgebäudes am Hansering zu Halle. Recht müsse eben Recht bleiben, so steht es über dem Eingangsportal.

Angeklagt war ich der Landesverräterischen Agententätigkeit. Informationen, die zwar nicht geheim seien, wohl aber dem Ansehen der DDR in der Feindpresse schaden könnten, hätte ich weiter gegeben. Aber eben das zu beweisen …

Sei es drum, schon der Kontakt zu diesen Unberührbaren war in der DDR strafbar und so verurteilten sie mich eben danach. Das Urteil vom 18. Juli 1984 können sie hier lesen. Na ja, Schulbücher der DDR hatte ich selbstverständlich in den Westen geschickt. Und dass ich westliche Journalisten davon abgehalten hätte, auf der Sommerolympiade in Los Angeles ein Fass aufzumachen, war auch ein Bär, den ich dem Gericht aufgebunden hatte. „Ihr fahrt doch eh nicht nach Los Angeles“ hatte ich dem Stasi-Offizier gesagt, der mich dazu verhört hatte. „Der Westen hat die Olympiade in Moskau 1980 boykottiert und nun wird die Sowjetunion und die DDR eben auch die Olympiade 1984 in Los Angeles boykottieren“ – „Nie und nimmer !“ hatte der Sportfanatiker entgegnet. Vermutlich hatte er selbst das damals geglaubt.

Drei Freunde beeindruckten mich, die an jenem Julitag 1984 in den Gerichtssaal in Halle am Hansering gekommen waren. Natürlich schloss das Gericht umgehend nach § 211 Absatz (3) der Strafprozessordnung der DDR die Öffentlichkeit aus und komplimentierte die drei aus dem Gerichtssaal. Und natürlich erfasste Justitia die Personalien der drei. Aber gerade das verstärkte die Botschaft, die sie mir mit ihrem stummen Blick zuwarfen: „Geh Du nicht auch noch weg von hier.“

Ja, sie hatten mich beeindruckt und ich verkündete dem Gericht, dass ich nun doch lieber Bürger der DDR bleiben wolle.

Aus dieser Staatsbürgerschaft würde ich aber eben Rechte ableiten. Zwei Jahre Haft gab es gerade deswegen und ich legte Berufung ein.

Für die Berufungsverhandlung vor dem Obersten Gericht forderte ich Freispruch. Zugegen sein durfte ich nicht in Berlin. Statt meiner war dort ein Herr aus dem Büro, welches für die DDR-Justiz den Freikauf händelte. Ich habe ihn nie im Leben gesehen. Der Herr trug vor, dass Haft für seinen Klienten schon angemessen sei, aber 18 Monate reichten doch eigentlich auch aus. Derselben Meinung war der Generalstaatsanwalt. Das Protokoll der Veranstaltung können Sie auf dieser Seite lesen.

Das Oberste Gericht der DDR unter seinem Präsidenten Heinrich Toeplitz,

dem Unionsfreund aus der DDR-Block-CDU, verurteilte mich nach diesem Maß. Dieses Urteil können sie ebenfalls hier lesen.

„Strafmildernd“ so ließ mir Heinrich, der Unionsfreund mit dem Urteil ins Stammbuch schreiben, strafmildernd sei zu berücksichtigen, dass der Angeklagte an einer Staatsbürgerschaft der DDR festhalten wolle.

„Strafverschärfend“, so die Truppe des wackeren CDU-lers, strafverschärfend komme aber leider hinzu, dass der Angeklagte aus einer Stellung als Bürger des Staates Rechte, sogar Bedingungen ableiten wolle.

Ja, so waren sie halt, die wackeren Christdemokraten. Die verfolgte Unschuld vom Lande,

als die der Unionsfreund Erhart Neubert sie hier in einer Publikation der Konrad-Adenauer-Stiftung, KAS, beschreibt. Seine Frau Hildigund ist dort übrigens Stellvertretende Vorsitzende, verdiente Aufarbeiterin des „SED-Unrechts“ und hat nach Auffassung einiger Wikipedianer schon als Angestellte in einer DDR-Staatskapelle Oppositionsgruppen gebildet. Unionsfreund Heinrich Toeplitz wiederum, der ja in dieser „SED-Unrechtspartei“ (glücklicherweise) nicht Mitglied war, wurde 1990 in der DDR-Volkskammer erst einmal Vorsitzender einer Kommission zur Aufklärung von Amtsmissbrauch und Justizwillkür in der „SED-Diktatur.“