1985 Verkauft um 47.000 Euro

Achtzehn Monate hatte ich diesmal abzusitzen. Das waren dann drei Jahre und zwei Monate insgesamt. Auf den Webseiten des Bautzen-Komitees finden Sie eine Geschichte dazu hier (externer Link).

Was ich nicht wusste: Die Schwester war schwanger und nahm das zum Anlass, von selbst mit dem Sport aufzuhören. Im „Spiegel“ hat sie ihre Sicht der Dinge einmal erzählt.

Weder sie noch ich wussten, was sich bei der Stasi-Bezirksverwaltung Erfurt unter dem Arbeitstitel „Operative Personenkontrolle, OPK, SPRINT“ verbarg. Die Stasi-Brüder hatten nämlich mit Hilfe des Unionsfreundes Rudolph Schulze

und seiner Postamtmänner noch einen Brief aus dem Postsack fischen können. In dieser erinnerte ein Dritter an die Silvesterfeier 1983/84 mit Schwester und mir und die Silvesterfeier war keine zwei Wochen vor meiner Verhaftung. Mit diesem Dokumente konnte die Stasi unwiderlegbar und gerichtsfest beweisen, dass sich Geschwister auch in solchen Lebenslagen noch ganz gut leiden können.

Dass die Schwester also von selbst und in Ehren abtrainierte, war ihr Glück. Die Erfurter Stasi erarbeitete bereits einen „Maßnahmeplan“, sie achtkantig aus dem Sportclub zu feuern. Meine Schwester hätte sie enttäuscht, schrieben sie. Und Ent-Täuschung meint, dass eine Täuschung zu Ende ist.

Eines Tages im Frühjahr 1985 ging deshalb auch für mich die Zellentür in Cottbus auf und der Justizvollzugsbeamte sagte: „Strafgefangener Walther, Sie rücken heute nicht auf Arbeit aus.“

Meine schmale Habe verteilte ich so schnell und so geordnet an meine Mithäftlinge, dass einer von ihnen fragte: „Du hast es gewußt ?“

Ich entgegnete: „Wir wissen es doch alle.“

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So besangen wir damals, 1985 in Cottbus und aus unseren Zellenfenstern heraus die Fahrt in den Westen, in das westdeutsche Aufnahmelager in einer hessischen Stadt namens Gießen.

Um die Stadt rankten wir Mythen, gleich biblischer Mythen um Jerusalem:

Wir werden alle einmal gehen,
auch Du bist sicher mit dabei.
Dann werden wir den Himmel sehen,
dann sind wir alle endlich frei.

Cherio, nach Gießen,
cherio, ahoi.
Cherio, nach Gießen,
nach Gießen, good bye.

Und sitzen wir im Bus nach Gießen,
dann ist die Grenze nicht mehr weit.
Dann wird so manche Träne fließen,
es wurd‘ auch allerhöchste Zeit.

Cherio, nach Gießen,
cherio, ahoi.
Cherio, nach Gießen,
nach Gießen, good bye.

Wer Deutscher ist, soll Deutscher bleiben,
wir woll’n doch alle nur nach Haus‘.
Dort kann uns keiner mehr vertreiben,
dort sieht die Welt ganz anders aus.

Cherio, nach Gießen,
cherio, ahoi….

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Natürlich spielten die im Schnitt 47.000 Euro eine Rolle, welche die Bundesregierung für die Freilassung eines jeden von uns zahlte, damals im Kalten Krieg …

… und natürlich ging es in der Justizbürokratie der DDR nicht ganz so lyrisch zu wie im Lied oben, gesungen nach dem Soundtrack „High Noon 12 – Uhr Mittags“ von Dimitri Tomkin.

In  der DDR – Justiz ging es eher prosaisch zu und wie in einem Kafka-Roman:

In der zentralen DDR-Abschiebehaftanstalt in Chemnitz auf dem Kassberg wurde mir, wie auch anderen eine Entlassungsurkunde aus der DDR-Staatsbürgerschaft in die Hand gedrückt. Mit dieser war ich nun ein straffällig gewordenen Ausländer und konnte gemäß § 59 StGB DDR außer Landes geschoben werden. Das geschah dann ratzbutz und am gleichen Tag, dem 13. März 1985 und natürlich in Handschellen.

Den Abschlussvermerk der Stasi habe ich auch hier und auf diese Seite gestellt. Oben rechts hat jemand sein „BESTÄTIGT MIELKE“ auf das Blatt gesetzt.

Das ist die Originalunterschrift des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke.

Ja klar, ich hatte vor Gericht gesagt, dass ich in der DDR bleiben wolle. Deshalb könnte ich Ihnen jetzt erzählen, dass ich gegen meinen Willen und in Handschellen aus der DDR geschleift worden sei. Roland Jahn erzählt das ja so. Erich Mielke persönlich, der Minister für Staatssicherheit höchstselbst, habe das so angeordnet.

Aber ich heiße eben Bodo Walther und nicht Roland Jahn und erzähle Ihnen: Ich machte drei Kreuze und einen Strich darüber und war heilfroh. Ich erzähle Ihnen auch: Abschlussvermerke mit dem Ergebnis der Entlassung politischer DDR-Gefangener in den Westen hat Erich Mielke IMMER selbst unterzeichnet. Über 33.000 mal musste er dazu den Federhalter schwingen. 10 bis 20 Stück solcher Dokumente müssen manchmal TÄGLICH in seiner Unterschriftenmappe gelegen haben.

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Warum hat Erich Mielke Abschiebungen IMMER selbst unterzeichnet ?

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Und den Rest der Akte Roland Jahn oder den Rest der Akte Bodo Walther hat Erich Mielke nie auch nur angefasst.