Über mich

Wer bin ich und wo komme ich her ?

Dass ich 1960 in der DDR in Weißenfels an der Saale zur Welt kam, sagt nicht viel. Die „DDR-Gesellschaft“ bestand, wie alle „Gesellschaften“, aus sehr verschiedenen Milieus.

Vater und Mutter führten in Weißenfels jeder eine Handweberei mit je einem halben Dutzend Angestellten.

Vater webte Jaquard auf dem Handwebstuhl. Er war einer der letzten in Deutschland, der das noch konnte.

Mutters Spezialität waren Raumteiler und halbdurchsichtige Gardinen.

Dazu fertigte sie eine Art Netz, in das sie Wurzeln, Äste oder Gräser hineinwand.

Oder Federn, oder unversponnene Wolle, gefärbt im Sud der Walnuss. Sie wand das in die „Kette“. Das sind die Längsfäden auf dem Webstuhl. Die „Schäfte“ am Webstuhl heben die einzelnen Fäden der „Kette“ an. So kann der „Schuss“, der Querfaden, sehr einfach hineingelegt werden. Oder besser „geschossen“. Oder kein „Schuss geschossen“, sondern Wurzeln und Gräser. Der „Kamm“ drückt den „Schuss“ dann in die Kette. Er „kämmt“ ihn hinein sozusagen. Schuss um Schuss bilden ein Gewebe, bilden Tischdecken, Gardinen, Raumteiler.

Mit 12 Jahren hatten wir Kinder die Fäden durch die Schäfte und durch den Kamm zu fädeln. Mutter saß an der anderen Seite des Webstuhls und wirkte die Knoten.

Kunstgewerbe – Davon konnte man leben im Billiglohnland DDR, mit einer Binnenwährung aus Aluminium als Tauschmittel und hinter einer Mauer.

Als die Mauer fiel, verschwanden nach und nach die besten Mitarbeiter meiner Eltern. Als am 1. Juli 1990 im Osten das Westgeld eingeführt wurde, waren beide pleite.

Vater rettete sich in die Textil-Werkstatt der Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein zu Halle. In den öffentlichen Dienst.

Mutter webte dann mit Behinderten. Ergotherapie. Und Seelenaufbau.

Ist das schon Milieu ? Jedenfalls kann ich heute weben, obwohl ich nach der 10. Klasse Gärtner gelernt hatte und nicht Weber wie meine Brüder.

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Prägender als solche Umstände des Elternhauses sind religiöse Milieus.

Auch ich bin geprägt. Es bieten sich drei Varianten an:

Zum Ersten könnte ich Katholisch aufgewachsen sein, wie diese Stasi-Unterlage belegt.

Zum Zweiten könnte ich aus protestantischem Elternhaus stammen, wie diese Stasi-Unterlage beweisen kann. Gestützt würde das auch durch ein Schreiben des Weißenfelser evangelischen Superintendenten Immelmann. Es zeugt von seiner Zivilcourage und ist deshalb der Erinnerung wert.

Zum Dritten könnte ich aber auch „irgendeiner christliche Sekte“ entstammen. Das beurkundet ja zweifelsfrei diese Stasi-Unterlage.

Fragen Sie am besten mal den Stasi-Experten Roland Jahn dazu. Oder Dieter Stier, den  Weißenfelser Vergangenheitsbewältiger aus der Bauernpartei, die sind bei Stasi-Unterlagen die wandelnde Sachkunde.

Entscheidend geprägt, so lehrte mich der Katholische Priester bzw. der Evangelische Pastor bzw. der Sektenprediger meiner Kindheit, entscheidend geprägt werde der Mensch bis zum 28. Lebensjahr.

Ich kann nicht leugnen, dass er Recht hatte.