Warum NICHT über den Zaun ?

„Die Flucht außer Landes,“

so schrieb Cesare de Becceria 1764 in „Dei delitti e delle pene“

(deutsch: „Von den Verbrechen und von den Strafen“),

„Die Flucht außer Landes kann nie bestraft werden. Denn ist der Flüchtige entwichen, ist er ja aller Strafgewalt entzogen. Der Staat wird den Versuch bestrafen, ja schon die Gedanken an den Versuch.“

§ 213 des Strafgesetzbuches (StGB) der DDR drohte dazu mit Freiheitsstrafen bis zu 5 Jahren.

Der DDR-Gesetzgeber erklärte zudem mit  § 225 Absatz I Nr. 5 StGB DDR den „ungesetzlichen Grenzübertritt“ zum anzeigepflichtigen Verbrechen. Ein ganzes Staatsvolk war verpflichtet, solche Vorkommnisse zu melden, wenn es denn davon wusste. Auch Vätern und Müttern, Brüdern und Schwestern, ja sogar Ärzten, Rechtsanwälten und Pastoren drohte anderenfalls eine Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren.

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Der staatsamtliche DDR – Kommentar zu § 225 StGB DDR schreibt:

Nach § 225 ist jedermann zur Anzeige verpflichtet, der von dem Vorhaben, der Vorbereitung oder der Vorbereitung eines … in dieser Bestimmung genannten schweren Verbrechen … glaubwürdige Kenntnis erlangt. Das trifft auch für den in § 136 genannten Personenkreis zu.

Strafgesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik, Kommentar, herausgegeben vom Ministerium der Justiz und der Akademie für Staats- und Rechtswissenschaft der DDR Potsdam-Babelsberg, Staatsverlag der DDR, 4. durchgesehene Auflage, S. 334

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Vater und Mutter, Brüder und Schwestern hafteten, wenn das Klettern über den großen Zaun einem aus der Familie gelang, der Zahnarzt sowieso. Sie hätten das doch wissen müssen ! Und: Eine Wiederkehr des Flüchtigen ist bei Vermeidung einer Freiheitsstrafe tunlichst zu unterlassen.

Wenn ich Schülern davon erzähle, frage ich auch:

Würdest Du unter solchen Umständen mit Deinem besten Freund darüber reden ?

Die Antwort heißt immer „Nein.“

Oder: „Nur, wenn er mitmacht.“

Alleingänge gehen meistens schief. Ohne fremden Rat und fremde Hilfe war es bis zum Frühsommer 1989 aussichtslos, über den großen Zaun klettern zu wollen.

Ich war 19 Jahre alt, als ich mich 1980 im Sumpfgebiet, in Ungarn, östlich des Neusiedler Sees,  bei Lebenymiklos herumschlich. Ich wußte nicht, wie aussichtslos das war.

Dann saß ich also ein und das Kreisgericht in Halle verurteilte mich zu 20 Monaten Haft. Das Urteil könne Sie hier lesen.